Leseprobe

Ursula Gressmann
Talke, die kleine Strandhexe
mit Illustrationen von Nicole Janes

 

 


 

Zutaten für eine leckere Suppe

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Talke ist eine kleine Strandhexe, aber das darf niemand wissen. Sie ist auch nicht alt und schrumpelig und wem sie begegnet, der sieht ein freundlich aussehendes, junges Mädchen vor sich. Talke hat Sommersprossen auf der Nase und lange, braune Haare, aus denen sie manchmal einen dicken Zopf flechtet. Als Strandhexe lebt sie natürlich am Strand, und zwar auf der  Nordseeinsel Juist. Selbstverständlich nicht direkt am Strand, sondern in einem Dünental in einem kleinen Holzhaus. Um das kleine Haus hat Talke einen Sichtzauber gewebt, damit niemand sie stört. Das Haus ist gerade groß genug für Talke und Seehund, ihren Kater. Der Kater ist grau gestreift und hat lange weiße Schnurrhaare. Wie ein Seehund sieht er aus. Deshalb hat er auch den Namen Seehund von Talke bekommen. Das kleine Haus, in dem sie beide leben, ist gemütlich eingerichtet. Ein Bett steht darin, ein hellgrünes Sofa, ein Tisch, zwei Stühle und an der Wand neben dem Fenster ein Schrank. Der runde Kachelofen in der Mitte des Raumes wärmt das Häuschen. Neben dem Sofa, nahe beim Kachelofen, steht das Katzenkörbchen, in dem Seehund schläft. Jetzt kommt Seehund gähnend aus dem Haus. Er kann selbst die Tür aufmachen. Dazu springt er hoch, wirft sich auf die Türklinke und die Tür springt auf.

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Talke steht wartend vor der Tür. Mit dem dicken, roten Wollpullover, Jeans, roten Wollstrümpfen, blauen Stiefeln und ihrem dicken Mantel hat sie sich warm angezogen. Heute ist es windig und deshalb hat sie eine blaue Wollmütze auf dem Kopf, damit die Haare ihr nicht ins Gesicht wehen. In den Händen trägt sie einen Plastikeimer und eine Zange. Talke und Seehund gehen hinunter ans Wasser. Die kleine Hexe möchte heute Suppe kochen und in eine gute Suppe gehören Muscheln. Da liegt ein Bündel frischer Miesmuscheln, die die Wellen angespült haben. Hinein in den Eimer! „Was soll das werden?“, rufen die Muscheln. „Wir sind noch viel zu klein, wirf uns ins Wasser. Was willst du mit so kleinen Muscheln machen?“ „Eigentlich wollte ich aus euch Suppe kochen, aber ich mag keine Muscheln in der Suppe, die sprechen können.“ Talke wirft die Muscheln wieder ins Meer. Der Wind weht heftig und Talke stapft weiter. Seeigel, frische, salzige Seeigel, die schmecken sicher auch gut in der Suppe. Nach dem Sturm liegen viele Seeigel am Spülsaum. Ruckzuck hat Talke zehn dicke, weiße Seeigel aufgehoben. Plumps, hinein in den Eimer! Und da geht es los, das Geschrei.

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„Wir kriegen keine Luft in dieser engen Röhre, wir wollen ins Wasser, unsere dünnen Schalen gehen kaputt.“ Seufzend kippt Talke die Seeigel ins Wasser. Die Seeigel sind gerettet. Talke überlegt: Taschenkrebse, dicke Taschenkrebse, die könnte man auch kochen. Vielleicht noch Salzkraut und einige Stängel Meersenf dazu. Talke läuft das Wasser im Mund zusammen. Seehund sitzt am Ufer und hält nach den Möwen in der Luft Ausschau. Die Möwen fliegen im Sturzflug auf seinen Kopf zu und er will versuchen, ob er einen von diesen frechen Burschen fangen kann. Bei den Strandläufern hat das geklappt, aber das darf Talke nicht wissen. Auf einmal kneift etwas fest in seinen grau gestreiften Schwanz. Das tut weh! Er jammert laut. So schnell sie kann läuft Talke zu ihm. Sie sieht einen großen Taschenkrebs, der sich an Seehunds Schwanz klammert. Talke biegt seine Scheren mit der Zange auf und durch den Schwung fliegt der Taschenkrebs ins Wasser. Weg ist er. Seehund ist müde geworden und Talke erlaubt ihm, im Eimer zu sitzen, während sie ihn trägt. In der Ferne sieht Talke Möwen, ungewöhnlich viele Möwen. Sie kreischen, flattern herum und stoßen in das flache Wasser hinab. Neugierig läuft Talke mit Seehund im Eimer auf die Möwen zu. Der Eimer schwankt und Seehund hält sich am Henkel fest. Seesterne, viele Seesterne, liegen am Ufer. Die Möwen hacken mit ihren scharfen Schnäbeln nach den Seesternen. Schwupps! Seehund wird aus dem Eimer gekippt. Talke fuchtelt mit der Zange in der Luft herum und verjagt die Möwen, das heißt, sie versucht es. Jetzt kann Seehund einmal zeigen, was er kann! Er springt auf die Möwen zu, faucht und verjagt sie. Er hat keine Angst, auch nicht vor dem Wasser. Normalerweise kann er nasse Pfoten nicht leiden. Aber jetzt ist er in seinem Element. Talke füllt den Eimer mit Seesternen. Kurz, wirklich ganz kurz denkt sie: „Seesterne, ob die in der Suppe schmecken?“ Dann läuft sie zum Wasser und wirft alle Seesterne weit hinaus ins Meer. Im Priel schwimmen kleine Schollen, sie sind noch durchsichtig. Nein, das ist auch nichts für eine Suppe. Das sind Fischbabys. Also auch keinen Fisch in der Suppe. Seehund kommt angeschlichen. Er hat einen Strandläufer gefangen. „Pfui“, ruft Talke, „lass ihn los!“ Talkes böse Blicke durchbohren Seehund. Der Strandläufer ist nicht verletzt, nur vor Schreck gelähmt. Talke pustet vorsichtig den Sand von seinen Federn. Leise beginnt der Strandläufer zu piepsen und dann läuft er so schnell er kann zu den anderen Strandläufern. Seehund ist zerknirscht, nichts macht er richtig. Er wollte doch nur bei der Suppe helfen. Die kleine Strandhexe gibt es auf, Zutaten für eine Suppe am Strand zu suchen. „Ach, eigentlich schmeckt heißer Kakao besser als Suppe, und ein schöner, dicker Pfannkuchen dazu, das wäre lecker. Mehl habe ich noch zu Hause. Zucker, Milch und Butter zum Braten sind auch noch da. Aber Eier, die brauche ich noch.“, überlegt Talke. Sie weiß, wo die Möwen in den Dünen ihre Nester haben. Talke stapft durch den  weichen Sand und Seehund springt voraus. Er kennt die Nester auch. Talke bleibt stehen. Es ist nämlich Winter und da gibt es keine Möweneier. Möwen legen nicht wie Hühner jeden Tag ein Ei. Betrübt schleichen die Strandhexe und der Kater durchgefroren nach Hause. Die Mittagszeit ist vorüber.

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Zu Hause angekommen, zieht Talke ihre sandigen Schuhe aus und warme Hausschuhe an. Sie nimmt den kuscheligen Hausanzug aus weicher Schafwolle und zieht ihn schnell über. Jetzt muss Seehund gekämmt werden, sonst kratzt er sich die ganze Zeit, weil der Sand in seinem Fell juckt. Im Herbst hat Seehund an einem Igel geschnuppert und nachher saßen vier Flöhe in seinem Fell. Talke hat sie gezählt, nachdem sie die Flöhe gefangen hatte. Talke und Seehund kuscheln sich auf dem hellgrünen Sofa zusammen und husch – sind sie hungrig eingeschlafen. Als beide aufwachen, steht der Mond am Himmel und die Sterne blinken. Es ist Nacht geworden. Talke sieht nach, was im Schrank an Essbarem vorhanden ist. Mehl, Zucker und Butter liegen dort. Sie überlegt, was sie daraus machen kann. Sie kann Kekse backen! Sie knetet den Teig, rollt ihn dünn aus und sticht Kekse aus. Sterne hat sie am liebsten. Seehund leckt die Schüssel sauber. Schnell die Kekse in den Ofen und nach einigen Minuten duftet es köstlich. Noch einen Becher Kakao dazu und Talke und Seehund sind zufrieden. Auch ohne Suppe.

 

Buchinfos

  • Titel: Talke, die kleine Strandhexe
  • Autor: Ursula Gressmann
  • Illustrator: Nicole Janes
  • ISBN: 9783944873220
  • Genre: Kinderbuch
  • Umfang: 60 Seiten
  • Format: 21 cm x 21 cm, Hardcover
  • Empfohlenes Alter: ab 4 Jahre
  • Preis (Print): 15 Euro
  • Verfügbar (Printbuch): shop.carow-verlag.de